Der Industriepartner im Norden der Hauptstadt

Die Anziehungskraft von Spaniens Hauptstadt wird im Rest des Landes oft kritisiert. Statt Magnet ist Madrid für viele andere Regionen ein schwarzes Loch, das Investitionen und ausgebildete Arbeitskräfte schluckt. Doch stößt die Metropole zunehmend an ihre Grenzen. Die Lebenskosten liegen weit über dem spanischen Durchschnitt und dem Gehaltsniveau. Das gilt vor allem für Wohnraum, der auch für die Mittelklasse unerschwinglich wird. Davon profitiert das Umland, unterstützt von guten Zugverbindungen und subventionierten Preisen für Pendler.

So ist das fast 200 Kilometer entfernte Valladolid, der Regierungssitz von Kastilien und León, seit der Eröffnung einer Hochgeschwindigkeitslinie 2007 in rund einer Stunde zu erreichen. Das Angebot ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen auf 30 bis 40 Züge täglich. Im Gegensatz zu anderen Schlafstädten im Umfeld Madrids, wie Guadalajara, Toledo oder Ciudad Real, ist Valladolid selbst ein wichtiger Industriestandort. Ein Standbein in der sonst eher ländlich geprägten Region ist die Lebensmittelindustrie, mit Großunternehmen wie Entrepinares, das mit dem Verkauf von Käse einen Jahresumsatz von mehr als 700 Mill. Euro erzielt.

Die 300 000-Einwohner-Stadt ist auch einer der wichtigsten Standorte für die Automobilindustrie in Spanien. Renault hat seit der Eröffnung des Werks 1953 elf Millionen Autos produziert. Michelin ist ebenfalls schon lange in Valladolid präsent ebenso wie Iveco mit einer Fertigung für Kleintransporter. Zur Avantgarde im Autokosmos von Valladolid zählt Horse Powertrain, ein Joint Venture von Renault und der chinesischen Geely, das sich zu einem der führenden Hersteller von Verbrennungsmotoren gemausert hat.

Die gute Anbindung an Madrid war jahrelang Fluch und Segen zugleich, denn zahlreiche gut ausgebildete Menschen aus Valladolid zog es in die Hauptstadt. Die Abwanderung von Talenten machte Sorgen. Doch seit 2024 hat sich die Entwicklung gedreht: Die kastilische Hauptstadt verzeichnete erstmals einen positiven Nettosaldo – mehr Menschen aus Madrid ließen sich in Valladolid nieder als umgekehrt. Es sind hauptsächlich Personen aus der Industriestadt, die einst aus beruflichen Gründen wegzogen und nun in die Heimat zurückkehren, um von dort zum Arbeitsplatz zu pendeln. Die deutlich niedrigeren Immobilienpreise und die hohe Lebensqualität geben den Ausschlag. Das gilt vor allem für junge Familien. Nach Zahlen des Statistikamtes INE verliert Madrid an Bevölkerung im Bereich von 35 bis 44 Jahren.

In Valladolid hofft man nun, dass viele Fachkräfte in der örtlichen Industrie Arbeit finden und sich die Pendelei sparen können. Es ergeben sich neue Chancen. Der Technologie- und Rüstungskonzern Indra, Mitglied des Ibex 35, baut eine Fabrik für Motoren für Militärdronen. Die Stadt buhlt auch um eine Batteriefabrik des chinesischen Herstellers Gotion. „Wir stehen nicht in Konkurrenz zu Madrid, das könnten wir auch gar nicht“, erklärte der Bürgermeister von Valladolid, Jesús Julio Carnero, vor ausländischen Journalisten: „Wir sehen uns eher als komplementär.“ Die zunehmende Verteuerung des Lebens in Madrid kommt dem kleinen Nachbarort im Norden zugute.

Nach oben scrollen