Rechnung von Big Tech für KI-Strom geht nicht auf

In Virginia zeigt sich, vor welche Herausforderungen der massive Expansionsdrang des Technologiesektors bei Künstlicher Intelligenz das amerikanische Stromnetz stellt. Der südöstliche Bundesstaat ist mit nahezu 600 Rechenzentren noch deutlich vor Texas mit 411 der Computing-Hot-Spot der Vereinigten Staaten – die in seinem Norden gelegene „Data Center Alley“ ist dabei an den von PJM Interconnection betriebenen Markt angeschlossen. Dessen Netz versorgt 76 Millionen Menschen in 13 Bundesstaaten von Kentucky bis New Jersey mit Strom, und der massiv wachsende Bedarf von Big Tech treibt die Kosten für Verbraucher in die Höhe.

US-Präsident sucht mit Blick auf die Kongress-Zwischenwahlen im Herbst, hohe Strompreise durch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen anzugehen.
US-Präsident sucht mit Blick auf die Kongress-Zwischenwahlen im Herbst, hohe Strompreise durch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen anzugehen.
picture alliance / Sipa USA | Sipa USA

Im Februar sind die Retail-Strompreise laut der US-Energieinformationsbehörde EIA landesweit um 6% gestiegen. In Pennsylvania, einem der ursprünglichen PJM-Kernstaaten, zogen sie im Vergleich zum Vorjahr gar um 16% an, in New Jersey stiegen sie im gleichen Zeitraum gar um 19%. Extreme Wetterbedingungen und notwendige Modernisierung der überalteten, von jahrzehntelangem Unterinvestment in Kraftwerke und Übertragungsleitungen geprägten Netzinfrastruktur tragen zu der Kostenexplosion bei. Zudem warnen Ökonomen infolge des Kriegs im Iran und Unterbrechungen von Rohstofflieferungen durch die Straße von Hormus vor weiter steigenden Erdgaspreisen.

Populistische Maßnahmen

Zugleich wird sich der Energiebedarf für Rechenzentren, der nach Auswertungen der Research-Firma Cleanview heute hauptsächlich über Erdgas gedeckt wird, laut dem Datendienst BloombergNEF bis 2035 von zuletzt 35 Gigawatt auf 106 Gigawatt mehr als verdreifachen. In einem Umfeld, in dem Verbraucher mit anhaltend hohen Lebensmittelpreisen sowie anderen Belastungen im täglichen Bedarf ringen und die Verschuldung der Haushalte explodiert, sind die wachsenden Stromkosten durch den KI-Boom zum Politikum geworden. US-Präsident Donald Trump sucht vor den Zwischenwahlen für den Kongress im November nun mit populistischen Mitteln die Trommel für seine republikanische Partei zu rühren.

Während seiner Rede zur Lage der Nation betonte der 79-Jährige in der vergangenen Woche, seine Administration habe mit Tech-Unternehmen gesprochen und ihnen klar gemacht, dass sie die Energiekosten für ihre KI-Expansion selbst stemmen und eigene Kraftwerke bauen müssten. „Niemand“ müsse wegen des Rechenzentren-Ausbaus noch steigende Preise fürchten, sagte Trump.

Auf Kuschelkurs mit Washington

Amerikas Technologieriesen trachteten entsprechend schnell danach, sich mit der Regierung gut zu stellen. Am Mittwoch stellten Vertreter des Sektors im Weißen Haus mit dem Präsidenten einen „Rate Payer Protection Pledge“ vor. In dessen Rahmen versprechen sie, mit Versorgern bilateral Kostenstrukturen auszuhandeln – für den benötigten Kraftwerksausbau soll Big Tech gerade stehen, egal, ob die Konzerne den darüber gelieferten Strom wirklich in Anspruch nehmen.

Meta-Präsidentin Dina Powell McCormick wirbt für Glasfaser-Initiativen der Facebook-Mutter.
Meta-Präsidentin Dina Powell McCormick wirbt für Glasfaser-Initiativen der Facebook-Mutter.
picture alliance / Sipa USA | Isack Sasha

„Wir verpflichten uns nicht nur, für 100% der Energie zu bezahlen, die wir nutzen, sondern auch für die Infrastruktur, die dieses Wachstum unterstützt“, sagte Ruth Porat, Präsidentin und Chief Investment Officer der Google-Mutter Alphabet. Die ehemalige Goldman-Sachs-Bankerin Dina Powell McCormick, seit dem laufenden Jahr Präsidentin von Meta Platforms, hob ein Pilotprogramm hervor, in dessen Rahmen die Facebook-Mutter Glasfaser-Techniker für den Bau von Rechenzentren schult und diesen Anschlussbeschäftigungen im Konzern anbietet.

Komplexe Wirklichkeit

Die Administration räumt ein, dass es sich bei dem „Protection Pledge“ nur um die Formalisierung ohnehin getätigter Zusagen handelte. Microsoft und die KI-Schmiede Anthropic hatten beispielsweise bereits öffentlich zugesagt, die Kosten für ihren Energieverbrauch stemmen zu wollen. Allerdings mahnen Branchenkenner an, dass solche Selbstverpflichtungen nicht bindend seien. Die Realität sei komplexer: Die Kostenaufteilung für Ausbau und Erneuerung von Energieinfrastruktur wird zumeist auf bundesstaatlicher oder sogar lokaler Ebene zwischen Versorgern und Regulatoren festgelegt und nicht von Washington aus.

Die Administration glaubt zwar daran, dass Big Tech ihre Versprechen einhalten wird – das Weiße Haus drohte andernfalls an, Genehmigungen für neue Rechenzentren streichen oder Unternehmen Vertragsstrafen aufbrummen zu können. Doch warnen Energieexperten davor, dass sich Verbraucher so oder so kaum von den indirekten Effekten der explodierenden Energienachfrage abschirmen lassen.

Zwar weitet sich auch die Stromerzeugung aus. Zwischen 2007 und 2021 war sie praktisch gar nicht gewachsen, da Nutzer auf effizienteres Equipment setzten und sich die Gebäudeisolierung stark verbesserte – regelmäßige Preiserhöhungen waren für Versorger damit das einzige Mittel, die Erlöse zu steigern. Seither zieht sie aber aus allen Quellen steil an, 2025 erreichte die Erzeugung gemäß EIA-Daten nach einer Steigerung um 3% zum Vorjahr einen Rekordwert von rund 4,53 Millionen Gigawattstunden.

Engpass in Lieferkette

Dennoch drohen angesichts der steigenden Nutzung von Haushalten und der massiv wachsenden Nachfrage von Tech-Unternehmen Engpässe. Hyperscaler um Alphabet, Amazon, Meta Platforms und Microsoft werden im laufenden Jahr gemäß ihrer Investitionsausblicke 630 bis 650 Mrd. Dollar für den Ausbau von KI-Infrastruktur aufwenden. Der Bedarf ist dabei so hoch, dass die Riesen ihn nicht mehr aus ihren üppigen Cash-Reserven stemmen können. Morgan Stanley schätzt, dass Big Tech allein im laufenden Jahr 400 Mrd. Dollar über den Investment-Grade-Anleihemarkt aufnehmen werden.

Börsen-Zeitung, ben/iGrafik.de

Beim weitaus wichtigsten Energieträger sowohl für Rechenzentren als auch im gesamten US-Netz, Erdgas, herrscht schon jetzt schwere Knappheit entlang der Lieferkette. Auch wenn Hersteller wie GE Vernova und Mitsubishi Power ihren Output über die kommenden Jahre massiv ausbauen wollen, müssen Kraftwerksbetreiber doch hart um Lieferungen von Turbinenmotoren kämpfen. Laut der Nichtregierungsorganisation Global Energy Monitor haben zwei Drittel der Erdgasprojekte, die sich in den Vereinigten Staaten in der Entwicklung befinden, noch nicht angekündigt, mit welchem Turbinenhersteller sie zusammenarbeiten werden. Der Nachfrageüberhang bedeutet Preisanstiege für alle Abnehmer – egal ob für Big Tech oder für Versorger, die Endverbraucher beliefern.

Suche nach Alternativen

Die Hyperscaler sehen sich folglich nach Alternativen um. Der Versorger AES hat in den vergangenen Jahren beispielsweise Lieferverträge für Energie aus erneuerbaren Quellen mit Microsoft und Meta Platforms geschlossen und ist damit selbst zum attraktiven Ziel für Investoren geworden. Ein Konsortium um einen Infrastrukturfonds von EQT und die Blackrock-Tochter Global Infrastructure Partners verkündete Anfang der Woche eine vollständig Cash-finanzierte Übernahme von AES zu einem Enterprise Value von 33 Mrd. Dollar – wobei der Kaufpreis Investoren enttäuschte, nachdem im Herbst noch Berichte über einen nahenden Buyout im Volumen von 38 Mrd. Dollar die Runde machten.

Zudem haben Unternehmen um Alphabet und Microsoft Deals geschlossen, um geschlossene Atomkraftwerke wieder ans Netz zu bringen. Bis diese aber verlässlich Energie liefern, kann es laut Energiestrategen Jahre dauern. In der Zwischenzeit stehen Ausweichlösungen wie Dieselgeneratoren und Verbrennermotoren im Fokus, die nicht für die Dauerversorgung von Rechenzentren gemacht sind. Der KI-Boom, zentrale Stütze des US-Wirtschaftswachstums, droht das amerikanische Stromnetz damit noch in eine bedrohliche Überlastung zu treiben.

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