Japans gefesselte Demenz-Milliarden

Die „alternde Gesellschaft“ ist in Japan allgegenwärtig, beim Arzt, im Supermarkt, im Zug. Überall „Silbermenschen“, benannt nach der Farbe ihrer grau-weißen Haare. Fast 30% der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt, mehr als 10% sind über 80. In meiner Gegend wird über das öffentliche Lautsprechersystem regelmäßig nach Menschen gesucht, die so verwirrt und dement sind, dass sie ihren Weg nach Hause nicht mehr alleine finden können. Mindestens 4,4 Millionen Japaner leiden derzeit an Demenz.

Gefährliche kognitive Alterung

Die Auswirkungen auf den Finanzmarkt sollte man nicht dabei unterschätzen. Nach einer Prognose der Sumitomo Mitsui Trust Bank werden Senioren über 65 mit Demenz-Erscheinungen im Jahr 2030 Vermögenswerte von 349 Bill. Yen (1,9 Bill. Euro) besitzen. Das entspricht mehr als der Hälfte des Bruttoinlandsproduktes von Japan. Dazu werden sie Immobilien im Wert von 184 Bill. Yen (1 Bill. Euro) kontrollieren.

Als Folge der kognitiven Alterung kommt es zu versäumten Zahlungen, impulsiven Ausgaben, schlechten Investitionen und zu Geldverlusten durch Betrüger, Stichwort Enkeltrick. Der Ökonomie-Professor Kohei Komamura fand laut einem Bloomberg-Bericht bei einer Studie heraus, dass Menschen über 60 mit Symptomen eines kognitiven Verfalls etwa 40% weniger Vermögen besitzen als ihre gesunden Altersgenossen. Komamura führt diese Kluft auf verschwenderische Ausgaben und schlechte Vermögensverwaltung zurück.

Kontensperrung als Lösung

Viele Institute ergreifen bereits Maßnahmen gegen Betrug und Verluste, indem sie die Kontonutzung beschränken oder sperren. Das ist schlecht für die Wirtschaft: Würden Menschen über 65 nur 0,25% ihres Vermögens ausgeben, würde das japanische BIP nach einer Schätzung des Finanzberaters Satoshi Nojiri um 1% steigen. Zugleich kann die wachsende Menge an Demenz-Milliarden in Form von Aktien Fusionen und Übernahmen erschweren oder zum Scheitern bringen, wenn die Aktionäre nicht auf Hinweise ihrer Bank oder ihres Vermögensverwalters reagieren.

Die japanische Finanzbranche hat schon reagiert. Banken und Wertpapierfirmen führen neue „Familienunterstützungskonten“ und Treuhandkonten ein, die es Verwandten ermöglichen, Vermögenswerte gemeinsam zu verwalten, solange Senioren noch dazu in der Lage sind. Eigene Helpdesks bedienen speziell Demenzkranke und ihre Familien. Als erste der drei großen Finanzgruppen führte die Mizuho Bank spezielle Treuhandkonten ein. Der Kunde zahlt mindestens 5 Mill. Yen (27.500 Euro) darauf ein. Davon werden regelmäßige Zahlungen wie Strom- und Wasserrechnungen per Dauerauftrag abgebucht. Aber größere Summen, etwa für Pflege oder Therapie, prüft die Bank erst sorgfältig, bevor sie die Rechnung begleicht.

Vereinfachte Vormundschaft

Auch der Gesetzgeber bewegt sich. Das Justizministerium prüft gerade, das Gesetz zur Erwachsenenvormundschaft zu vereinfachen und zu flexibilisieren. Die vorgeschlagenen Änderungen werden voraussichtlich noch in diesem Jahr vom Parlament beraten. Das Gesetz erlaubt es Familienmitgliedern, die rechtliche Kontrolle über die Finanzen eines Verwandten ohne dessen Zustimmung zu übernehmen, wenn diese oder dieser an Demenz erkrankt.

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