Roll on, Roll off

Während in London jede defekte Rolltreppe binnen Minuten repariert wird, kann sie in Frankfurt über Tage ausfallen. Was das über den Finanzstandort und Deutschland aussagt.

Von einer „Rolltreppen-Blamage“ war die Rede, nachdem vor zwei Wochen im Berliner Hauptbahnhof nahezu alle solche Transportmöglichkeiten stillgelegt wurden. Ein Defekt an einer der Treppen war offenbar so dramatisch, dass gleich alle „aus Sicherheitsgründen“ tagelang aus dem Verkehr gezogen wurden. Die Häme war groß. Berlin eben, so das abwertende Verdikt in den „sozialen“ und journalistischen Medien. Sogleich wurde auf das Flughafendesaster verwiesen, das in Berlin bis heute immer wieder in neuer Gestalt auftaucht.

Doch mit Häme sollte man gerade in Frankfurt vorsichtig sein. Denn auch am Finanzstandort stehen viele Rolltreppen regelmäßig still – und das ebenfalls teilweise über viele Tage. Nach einem Besuch in London fällt das besonders auf. Während jenseits des Kanals nach eigenem Erleben über viele Besuche hinweg alle Rolltreppen ohne zu mucken ihren Dienst versehen, obwohl sie viel älter scheinen als die in Frankfurt, ist – zurück in Deutschland – oft schon der Erstkontakt ernüchternd.

Pendlererfahrung

Falls mir nun entgegengehalten wird, dass es sich dabei womöglich um eine zufällige Häufung handelt, kann ich als jahrelanger Pendler von Aschaffenburg nach Frankfurt und intensiver Nutzer öffentlicher Verkehrssysteme profund sagen: Nein, bei den Rolltreppen ist das im Frankfurter Verkehrssystem ein Dauerzustand. Und in Aschaffenburg sind es ersatzweise eben die Aufzüge zu den Gleisen, die wochenlang stehen und Rollstuhlfahrer verzweifeln lassen.

Auch in anderen euro-kontinentalen Metropolen ist das so. Das bestätigen unsere Korrespondenten: In Brüssel etwa werden gerade an neuralgischen Verkehrsknotenpunkten Rolltreppen über Tage zu Klettertreppen. Manchmal geht sogar monatelang nichts mehr. In Paris ist das ähnlich. London scheint der Gegenküste samt Frankfurt diesbezüglich also weit überlegen.

Wartung gespart

Was ist nun der Grund für diese Rolltreppen-Malaise in Deutschland? Denn auch anderswo im Land sieht es ja nicht besser aus, wie Nachforschungen ergeben. An den Herstellern und deren Qualitätsprodukten dürfte es nicht liegen. Diese sind auch in London engmaschig verbaut. Eher liegt es also an der Wartung, an der gespart wird. Für die Erstinvestition ist stets irgendwie Geld da. Scheinbar aber nicht für die Wartungstechniker. Zu hohe Personalkosten? Falsche Prioritäten? Deutsche Bürokratie? Keine Ahnung. Anders auf der Insel in London: Da wird im Schadensfall gleich ein Rapid-Response-Team losgeschickt.

Sondervermögen veruntreut

Die Missachtung der Wartung scheint für die gesamte deutsche Infrastruktur zu gelten. Über Jahre wurde sie strukturell ausgemergelt. Mit dem Sondervermögen soll sie eigentlich wieder auf Vordermann gebracht werden. Doch die Bundesbank hat bereits dargelegt, dass viele Milliarden aus diesem Topf quasi veruntreut werden, weil sie gerade nicht für Investitionen eingesetzt werden. Und wenn die vielen neuen Brücken, Straßen, Gleise und – hoffentlich – Glasfaserleitungen dann doch gebaut, geteert und gelegt werden, stehen natürlich Wartungskosten an. Doch im Kernhaushalt ist dann kein Geld mehr da. Denn auch hier wird die gesetzlich geforderte Investitionsquote längst nicht eingehalten. Die fiskalische Rolltreppe also läuft – allerdings nur nach unten.

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