Vorsicht, Trinkwasser!

Die Liga der Freunde fleischhaltigen Essens im EU-Parlament, sozusagen die Mett-Igel-Koalition, hat eine herbe Schlappe hinnehmen müssen. Das von den Karnivoren geforderte Verbot von Bezeichnungen wie „Veggie-Schnitzel“ oder „Tofu-Wurst“ kommt nun doch nicht. Diejenigen in Europa, die also unter allen Umständen verhindern wollen, dass sie aus Versehen etwas fleischloses zu sich nehmen, müssen insofern verflucht wachsam bleiben.

Bemerkenswerterweise waren sich bei diesem Thema die Politiker am rechten Rand einmal komplett einig (und das kommt selten genug vor). Die Patrioten der PfE und die Nationalisten der ESN hatten sich einstimmig dafür ausgesprochen, das „Veggie-Schnitzel“ aus dem Einzelhandel zu verbannen. Letztlich verständigten sich aber nun die Unterhändler aus Rat und EU-Parlament darauf, auf ein solches Verbot zu verzichten. Lediglich Begriffe in Kombination mit „Leber“, „Huhn“ oder „Rind“ sind für die Anbieter pflanzlicher Alternativen tabu.

Spötter hatten bereits gemutmaßt, was denn – wenn die Verfechter des Verbots Erfolg gehabt hätten – der nächste Schritt gewesen wäre: Warnhinweise auf Saitan-Schnitten oder Hafer-Drinks? Oder gar Schockbilder auf Kichererbsen-Dosen und Falafel-Verpackungen? Die Diskussion, die Europa jüngst erlebt hat, erinnert an den brillianten Titel von Woody Allens Bühnenstück aus den Sechzigern: „Vorsicht, Trinkwasser!“ Oder auch an die Bemerkung des Late-Night-Plauderers Harald Schmidt, sein Arzt habe ihm empfohlen, mehr Obst zu essen. „Was heißt das? Eine zweite Scheibe Ananas auf den Toast Hawaii?“

Hand aufs Herz: Politiker, die Verbraucher für so dämlich halten, dass sie „Veggie-Würstchen“ kaufen und später dann dicke Tränen in den Grill tropfen, weil sie feststellen, dass der Inhalt nicht von der Schlachtbank stammt, müssten vieles andere erst recht untersagen. Etwa Leberkäse. Oder Lachsschnitzel.

Gewiss, es gibt im Supermarkt immer mehr Produkte, bei denen es ein intensives Studium braucht, um nicht etwas in den Einkaufswagen zu legen, was man gar nicht haben wollte. Aber die Veggie-Wurst ist da tatsächlich das geringste Problem. Anders bei Heintz Ketchup: Da ist der Griff nach der richtigen Tube mittlerweile eine echte Konzentrationsaufgabe geworden, weil sich erst bei genauer Inspektion sicherstellen lässt, dass man nicht „50%“ oder „zero“ erwischt hat, oder „bio“ oder „hot chili“.

Und statt sich die eigentlich recht offensichtlichen Veggie-Produkte vorzunehmen, sollten sich die politischen Klassensprecher der Unmissverständlichkeit von Produktnamen doch bitte schön einmal das Regal mit den Getränken näher anschauen. „Multi-Vitaminsaft“ ist ja bereits eine ziemliche sprachliche Schönfärberei. Was aber soll man mit „Frühstückssaft“, „Gute-Morgen-Saft“ oder „Sanft-wie-Seide-Saft“ anfangen?

Geradezu vorbildlich präsentiert sich demgegenüber der Milchersatz aus Vollkornhafer, den eine große deutsche Lebensmittelkette anbietet. Auf dem Etikett steht nämlich nicht nur in leuchtend-grün der Schriftzug „vegan“. Das Getränk heißt zudem noch „No Muhh Drink“. Und das können sogar Kinder verstehen.

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