Neuer Realitätssinn

Finanzprognosen börsennotierter Gesellschaften, die Anlegern über einen mehrjährigen Zeitraum Orientierung bieten sollen, sind nicht selten von begrenztem Wert. Der Biopharmazulieferer Sartorius, der am Dienstag neue Ambitionen verkündet hat, liefert dafür einen Beleg.

Vergleichsweise große Bandbreiten im Ausblick des Konzerns für 2026 spiegeln bereits die gedämpften Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft im Zuge der aktuellen handels- und geopolitischen Spannungen sowie die erhöhten Volatilitäten in der Life-Science-Industrie wider. Insofern ist nachvollziehbar, dass der Konzern beim Kapitalmarkttag darauf verzichtet hat, über das Jahr hinaus ein konkretes operatives Margenziel für ein bestimmtes Jahr zu nennen. Der Ansatz, stattdessen jährliche Verbesserungen in Aussicht zu stellen, steht auch in Verbindung mit Erfahrungen seit 2020: Operative Margen, die Sartorius im Verlauf der pandemiebedingten Sonderkonjunktur und danach noch mittelfristig für 2025 oder 2028 in Aussicht stellte, haben sich als deutlich zu optimistisch erwiesen.

Sorgen der Bonitätsprüfer

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Sartorius selbst wies schon während des noch rasant verlaufenden Geschäfts mit Corona-Impfstoffen und Tests auf Übertreibungen hin. Danach zog sich der Lagerbestandsabbau bei Kunden in die Länge. Mit Unsicherheiten hinsichtlich des Zeitpunkts und der Stärke der Erholung im Biopharmamarkt begründete die Ratingagentur Standard & Poor’s im vergangenen Jahr eine Herabstufung der Bonitätsnote von Sartorius. Die weitere Entschuldung nach der teuersten Akquisition der Firmengeschichte im Jahr 2023 könne sich verzögern.

Das im vergangenen September nach vier Jahren aus dem Dax ausgeschiedene Unternehmen, dessen Börsenwert sich von 2021 bis 2025 auf rund 15 Mrd. Euro mehr als halbiert hat, kann auf ein stabiles Geschäftsmodell mit starken Marktpositionen setzen. Die operative Ertragsmarge des vergangenen Jahres lag über dem Referenzwert im Jahr vor Beginn der Corona-Pandemie. Mit der Fokussierung auf wachstums- und renditeträchtige Kerngeschäfte sowie aufstrebende Geschäftsfelder, der Verpflichtung zu Kapitaldisziplin und mit der Finanzmarktkommunikation zeigt Sartorius neuen Realitätssinn.

Sartorius kommuniziert Mittelfristziele vorsichtiger. Das ist auch eine Lehre der Vergangenheit.

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