Wenn die Russen in Umfragen über irgendetwas ihren Unmut äußern, dann am ehesten über die wirtschaftliche Lage. Wohlgemerkt: Die Mehrheit erachtet die ökonomische Situation im Land immer noch als ok, also weder gut noch schlecht. Aber seit dem vergangenen Jahr steigt die Unzufriedenheit allmählich. Jenseits dieser allgemeinen Bewertungen freilich ist die Gereiztheit im Alltag durchaus stärker gestiegen, und zwar gar nicht etwa deshalb, weil es an Essen oder Geld mangeln würde, sondern weil gewohnte Annehmlichkeiten von früher nicht mehr selbstverständlich sind.
Da ist zum Beispiel das Internet, das immer wieder abgeschaltet wird, weshalb dann auch das Navigationsgerät im Auto nicht funktioniert und das Taxi seinen Abhol- oder Bestimmungsort nicht mehr findet. Oder die zwischenzeitlichen Probleme bei der Benzinversorgung, weil Raffinerien durch Drohnenangriffe nicht mehr arbeiten können. Oder der zeitweise großflächige Ausfall von Binnen- und Auslandsflügen aufgrund ebendieser Drohnenangriffe – und allmählich auch, weil Maschinen oder ihre Bestandteile aufgrund der Sanktionen fehlen.
Teure Lebensmittel
Es scheint ein russisches Spezifikum zu sein, dass bei all diesen Verschlechterungen, zu denen natürlich in erster Linie die von den Kriegsausgaben angeheizte Inflation gehört, der Konnex zum Krieg selbst von der Bevölkerung nicht hergestellt wird. „In Russland kommt die Inflation aus dem Kosmos“, brachte daher die renommierte Moskauer Ökonomin Natalaja Subarewitsch das Phänomen im Gespräch mit der „Börsen-Zeitung“ auf den Punkt.
Demnach kommt auch aus dem Kosmos, dass sich zuletzt etwa Gurken im Einzelhandel seit Ende 2025 um mehr als 50% verteuert haben, wie aus Daten der Statistikbehörde Rosstat hervorgeht. Aus der sibirischen Großstadt Nowosibirsk tauchten sogar Berichte auf, dass Gurken auf maximal fünf Kilogramm pro Käufer rationiert worden sind – und zwar, um Spekulanten auszuschalten. Nach Gurken folgen bei der Preissteigerung übrigens Tomaten (+22,3%) und Kartoffeln (+12,2%), wobei der saisonale Faktor hier natürlich auch seine Rolle spielt. Nicht von der Hand zu weisen freilich ist, dass laut Rosstat der Anteil der Lebensmittelausgaben am Budget der russischen Bürger den höchsten Stand seit 16 Jahren erreicht hat.
Nach Schätzung der Statistikbehörde wendeten Russen Anfang dieses Jahres insgesamt 39% ihrer Gesamtausgaben für Lebensmittel auf. Der hohe Anteil ist gemeinhin ein Phänomen in Ländern mit niedrigem Einkommen. Nicht zufällig spricht Natalja Orlowa, Chefökonomin der größten russischen Privatbank Alfa Bank, von einer alarmierenden Entwicklung in Russland. Dass sich die jährliche Inflationsrate in Russland seit Januar übrigens von 5,6 auf 6,3% beschleunigt hat, kommt natürlich auch nicht von ungefähr oder gar aus dem Kosmos, sondern von der Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 22% und einiger anderer Verbrauchssteuern. Die russischen Währungshüter halten diesen Anstieg nur für „vorübergehend“ und haben daher den Leitzins neulich von 16 auf 15,5% gesenkt – zum sechsten Mal in Folge. Hoch bleibt er trotzdem.